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Eine Ausstellung zu wichtigen Lebensdaten des Generalfeldmarschalls Gottlieb Graf von Haeseler befindet sich im “Stabsgebäude” des Bunkers und kann bei einem Rundgang besichtigt werden: |
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Der alte Haeseler |
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Auf der Höhe des Barnimplateaus, zwischen der Oder und Berlin, liegt Harnecop, seit 1837 im Besitz der Grafen von Haeseler, die berufen waren, dem preußischen Volksheere einen Feldmarschall zu schenken - zwar einen ohne Kriegskommando und darin nahe verwandt der Tragik eines Grafen Schlieffen, mit dem ihn manches Gemeinsame verband: Gottlieb Graf von Haeseler. Schon Soldat bei Düppel und Königgrätz, Mitkämpfer des französischen Krieges von 1870/71, erreichte Graf Haeseler die höchste Soldatenwürde nur durch seine vorbildliche Friedensarbeit für den Krieg. Nachdem er schließlich 13 Jahre an der Spitze des XVI. Armeekorps in Metz gestanden hatte, ein General, von dem man in der ganzen Armee voll hoher Achtung sprach, erhielt Haeseler 1903 den Abschied. Er war schon 78 Jahre alt, Gutsherr auf Harnecop, als der Weltkrieg ausbrach und der rüstige Greis im Vollbesitz seiner körperlichen und geistigen Kräfte noch einmal hoffte, in seinen vierten Krieg zu ziehen, dieses Mal als höherer Führer, als Feldherr. Aber das Militärkabinett wünschte das nicht. Es besaß einen Schutzwall, hinter den es sich verschanzen durfte, um den unbequemen "Groben Gottlieb", wie Soldatenmund im Scherz den alten Haeseler getauft hatte, sich vom Leib zu halten: die Altersgrenze. Ein Offizier, der über 70 Jahre alt war, durfte kein aktives Kommando mehr führen. Der Gutsherr von Harnecop tobte. Sollte man denn einen Feldmarschall nicht mit anderen Augen ansehen? Er wandte sich unmittelbar an den Kaiser, meldete sich fähig für jede mobile Verwendung, bat um eine persönliche Audienz. Aber die Majestät war zu sehr in Anspruch genommen, - Kaiser Wilhelm fürchtete vielleicht auch, er würde Auge in Auge mit dem Feldmarschall ihm seine Bitte nicht abschlagen können. Doch gab es wenigstens einen Gnadenbeweis: es wurde Haeseler freigestellt, sich beim XVI. Armeekorps am Kriege zu beteiligen. Als dieser Bescheid in Harnecop eintraf, wagte in den nächsten Stunden sich niemand an den Marschall heran. Nicht als Feldherr - als Schlachtenbummler sollte er den Krieg mitmachen -, das war eine furchtbare Enttäuschung; doch half es nichts, und besser war es immerhin, als untätig auf dem Gute sitzen zu bleiben und Schweine zu mästen. Fluchend packte Haeseler seinen Koffer und traf am 19. August in Diedenhofen ein. Dort lag das Hauptquartier des XVI. Armeekorps, in dem Haeselers Name einst dreizehn Jahre lang alles überschattet hatte und noch heute vollen Klang besaß; denn was fragen wahre Liebe, Verehrung und Vertrauen der Allgemeinheit nach dem Alter der Großen! Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde von Haeselers Ankunft, und das Militärkabinett hätte es einmal hören müssen, was der einfache Soldat sagte, als er das Ereignis erfuhr. In dem einen Satz lässt sich die allgemeine Meinung zusammenfassen: "Gottlieb ist da, und nun gewinnen wir!" Ja, er war da, der 78 jährige Feldmarschall, vom Generalkommando gewiss nicht mit der gleichen ehrlichen Begeisterung begrüßt wie sie ihm die Soldaten entgegentrugen, die er doch einst in Garnison- und Manöverzeiten weidlich gezwackt und gezwickt hatte. Doch durfte er selbst nicht führen und hielt sich auch streng daran, denn kaiserlicher Wille war des Alten ehernes Gesetz. Der kommandierende General des XVI. Armeekorps brauchte also für seine Autorität nicht zu fürchten, so taktvoll, fast bescheiden hielt sich Haeseler zurück; um so wirkungsvoller drang mancher erbetene Rat, mancher weitgreifende Gedanke an das Ohr der Verantwortlichen - leider nicht bis an die höchste Spitze hinauf. Am 22. August tritt das Korps zum Vormarsch an. Während das Generalkommando an seine Befehlsstelle in Haringen gefesselt blieb, suchte der Feldmarschall die Verbindung mit der fechtenden Truppe. Bald tauchte der Graf auf seinem Pferde mitten in den Schützenlinien auf, oft nur durch ein Wunder noch nicht getroffen; einige meinten gar, der "Grobe Gottlieb" könne es nicht verwinden, selbst kein Kommando zu führen, und suche verwegen den Tod. Das war Geschwätz, Graf Haeseler vielmehr drängte es mit allen Fasern in den Kampf, nach vorn - etwas wollte er doch von seiner "Zuschauerrolle" haben, und die anderen, die Verantwortlichen, mochten derweilen hinten an ihrer Fernsprechstrippe sitzen. Im Übrigen war Haeseler schon immer der Ansicht gewesen, der persönliche Einfluss des Feldherrn auf die Truppe dürfe auch im modernen Krieg nicht ausgeschaltet werden; ein Alexander am Schreibtisch war ihm verhasst, und er befand sich mit dieser Ansicht sogar im Gegensatz zu der Auffassung des Grafen von Schlieffen. In der Schlacht von Xivry wird Haeseler um ein Haar das Opfer eines Verrats. Beim Angriff auf Spincourt beobachtet der Alte von Rechicourt aus, als plötzlich Granaten um ihn einschlugen. Der Maire des Dorfes verfügte über eine Fernsprechverbindung zum Franzosen und hatte diesen auf den Standort des Feldmarschalls aufmerksam gemacht. Obwohl sich Haeseler für den Mann verwandte, musste er dem Kriegsrecht seinen Lauf lassen. In den aufregenden Krisentagen des 24. und 25. August 1914 war der alte Marschall so recht der ruhende pol, um den sich mancher scharte. Der 26. August 1914 brachte dann die Entscheidung, den Abzug des Feindes, der zwar geschlagen, aber nicht vernichtet worden war. Am 3. September konnte Haeseler persönlich einen Gefangenen einbringen. Im Gefecht bei Nantillois war es, und Haeseler war nur von seinem Ordonnanzoffizier begleitet. Diesem überließ er den Abtransport des Gefangenen, nachdem er ihn verhört hatte, mit der Bemerkung: "So kriegen Sie wenigstens das E. K." Haeseler erkannte nach allem, was wir heute wissen, eher als die OHL, dass der Franzose in den Grenzschlachten keineswegs vollständig geschlagen war. So konnte er auch nicht den Optimismus von Moltke teilen und war der Ansicht, man renne blindlings in eine Falle. Weil man ihn aber offiziell auf die Seite Geschoben hatte, hütete er sich streng, seinen Wahrnehmungen entsprechend zu berichten, denn er wollte sich nicht "aufdrängeln". Mag dies ein Fehler gewesen sein oder nicht, fest steht, dass auch Haeselers Rat das Marne-Verhängnis nicht hätte aufhalten können, weil er in jedem Falle von der Stelle aus, wo der Marschall sich befand, zu spät gekommen wäre; auch erscheint es unglaubhaft, dass man einen solchen in der Zeit der Hochstimmung Ende August überhaupt aufgenommen hätte. Als dann am 11. September 1914 der endgültige Rückzugsbefehl eintraf, brach in Haeseler eine ganze Welt zusammen. In der Seele des alten Mannes, dem es das Schicksal versagt hatte, sein Feldherrntum beweisen zu können, lebte noch einmal die bittere Enttäuschung auf, und klaren Geistes erfasste er schon am 29. September die Gesamtlage, wenn er gegenüber seinem Ordonnanzoffizier bekannte: "Es scheint mir, dass der Augenblick gekommen ist, in dem versucht werden muss, den Krieg zu beendigen." Es war sein Feldherrnglaube, dass ein Stellungskrieg, der niemals eine Kriegsentscheidung herbeiführen kann, für Deutschland verhängnisvoll werden müsse; und er hat Haeseler nicht getrogen. Klar erkannte der greise Feldmarschall auch, wen die Schuld an dem unseligen Verlauf der Ereignisse traf. So äußerte er sich einmal gegen seinen späteren Biographen, den Generalmajor Buchfink: "Ich habe nie geglaubt, daß der Stellungskrieg eine so große Rolle spielen würde, und das wäre auch nie so gekommen, wenn wir nicht so erbärmlich schlecht geführt worden wären. Wir mussten den Krieg in der Bewegung durchführen und entscheiden. Nicht nur mit einem Vionville, aber mit zehn Vionvilles!" Nach der Marneschlacht hauste Haeseler bei seinem Gastkorps in den Argonnen. Oft genug erlebten die Truppen ihren Gottlieb in vorderster Linie, aber auch er, der ihnen Abgott aus längst verschwundenen Tagen war, konnte ihnen nicht mehr helfen. Schlieffens große Idee, die die schnelle Entscheidung erstrebte, war vertan worden; der verloren gegebene Augenblick kam nicht zurück. Mitte 1916 verließ Haeseler einen Kriegsschauplatz, der ihm nichts mehr zu geben wusste, und zog sich grollend nach Harnecop zurück. Nicht einmal der Zusammenbruch des kaiserlichen Reiches wurde dem Greis erspart, und als er am 26. Oktober 1919 für immer die Augen schloss, hatten sie nirgends ein Anzeichen dafür entdecken können, dass der Untergang des Reiches doch nicht für immer beschlossen sei. Haeselers - des Feldherrn ohne Krieg - Wirksamkeit und Bedeutung war ganz in der alten Armee verankert, die ihm viel zu verdanken hatte. Seine Jugend war unter eine militärische Epoche Preußens gefallen, die man als Reaktion auf die Sturmjahre des Befreiungskrieges als arm bezeichnen muss. Prinz Friedrich Karl von Preußen, der spätere große Armeeführer, auch der "rote Prinz" nach seinem Barte genannt, wurde zuerst auf den Regimentsadjutanten der Zietenhusaren anlässlich einer größeren Kavallerieübung im September 1857 aufmerksam; er hat den ersten militärischen Werdegang Haeselers nachhaltig bestimmt, ja, blieb für sein ganzes Denken immer richtungsgebend. Prinz Friedrich Karl war ein Schüler Reyhers, jenes preußischen Generalsstabschefs von 1848-1857, der aus dem Unteroffiziersstande zu einer der höchsten Stellen des preußischen Heeres emporgestiegen war. "Der kriegerische Geist entscheidet, nicht die Form!" Dieser Leitsatz des Prinzen war dem jungen Haeseler aus der Seele gesprochen. Daraus formte er für das eigene militärische Wirken an höchster Stelle den Grundsatz, zu Gunsten der allgemein militärischen Leistung die Form gering einzuschätzen. Alle Autorität, so urteilte Haeseler, sollte für die Erziehung der vollen geistigen Kraft eingesetzt werden mit dem alleinigen Ziel, für einen Krieg sich voll bewähren zu können. Damit schlug Haeseler gleichzeitig die Brücke zu dem Vater der allgemeinen Wehrpflicht, zu Scharnhorst. Als Adjutant des Prinzen Friedrich Karl, der mit dem III. Armeekorps in den dänischen Krieg 1864 rückt, erlebt Haeseler die wichtigen Tage bei Düppel und Alsen und zeichnet sich durch manche vortreffliche Erkundung aus. Bei Königgrätz, 1866, wo der Prinz sich entscheidenden Anteil am Siege erwirbt, ist er wieder dabei, und in den Krieg 1870 geht Haeseler bereits als Generalstabsoffizier. Prinz Friedrich Karl, bei dem Haeseler Ia ist, also den Hauptteil der operativen Arbeiten zu leisten hat, führt jetzt die 2. Armee. Im Oberkommando wirkt Haeseler wie der Hecht im Karpfenteich, das so genannte Heer der Unbeschäftigten, zu denen ihm die vielen Adjutanten zu gehören scheinen, war ihm ein Greuel. Vor allem lehnte er Repräsentationspflichten ab, wo ihm der Krieg die Hauptsache zu sein schien. Es würde zu weit führen, Haeselers Anteil am deutsch-französischen Krieg, der die Reichsgründung herbeiführte, ausführlich zu schildern. Hervorzuheben ist: dieses große Jahr des Sieges befestigte immer mehr die Auffassung, die er sich über die Aufgaben des Truppenführers gebildet hatte. Die Schule Friedrich Karls war echte Feldherrnschule. Neben den soldatischen Eigenschaften dieses großen Soldaten standen die charakterlichen, ausgeglichene Ruhe und unbedingter eiserner Wille. Schon in aller Frühe, wann er sich auch erhoben haben mochte, pflegte Friedrich Karl seine schwarze Zigarre zu rauchen. Das allerdings war nichts für Haeseler, der in allen Lebensbedürfnissen ein wahrer Asket war, und so bemerkte er auf den Höhen von Rezonville nach der Schlacht bei Vionville zum Prinzen, als dieser ihm um fünf Uhr morgens eine dieser Zigarren mit den Worten: "Jetzt erst können wir sagen, dass wir die Schlacht gewonnen haben," anbot: "Ich habe keinen solchen Kutschermagen, dass ich des Morgens um fünf rauche." Aus dieser Schlacht sind eigene Aufzeichnungen Haeselers interessant, die mit dem 18. August einsetzen. Es heißt darin u. a.: "Der Prinz und die ihm zunächst stehenden Offiziere hatten von der Höhe von Flavigny fortgesetzt über die Römerstraße hinaus in Richtung des Bois de St. Marill ausgeschaut und dann in Richtung Mars la Tour die Verstärkung des Feindes, auch durch Artillerie, wahrgenommen. Übereinstimmend hiermit besagten die Meldungen des Kommandierenden Generals X. Armeekorps, dass die Brigade Wedell in heftigem Gefecht stünde. Jetzt traf auf scharf getriebenem Pferde ein Offizier ein, pariert etwa 50 Schritt vom Prinzen, kommt, sein Pferd nach sich zerrend, atemlos zu ihm und keucht die Meldung: "Die Brigade Wedell ist vernichtet - die Fahnen sind gerettet!" In größter Ruhe legt der Prinz ihm die Frage vor, ob er das selbst gesehen? Unklare Antwort. Der Prinz fordert den Offizier auf, sich zunächst seinem Stabe anzuschließen, und soll den Überbringer mit scharfen Worten abgefertigt haben. Das ist nicht geschehen. Kein böses Wort. Dem Hergang hat niemand beigewohnt als der Prinz, General von Stiehle und ich." Kein böses Wort, aber auch keinerlei Anzeichen von irgendeiner Erregung. Der Prinz kannte die seelische Gefahr, die das tobende, oft unentwirrbar erscheinende Bild einer Schlacht auf den Menschen ausübt, und beurteilte danach den Wert dieser Alarmmeldung, ohne ihren Überbringer hart anzulassen. Solche und ähnliche Episoden, die diesen Armeeführer in seiner Bedeutung erkennen ließen, bestimmten auch Haeselers Gedanken über die Aufgaben eines Feldherrn. Und als Charakteristik der Schlachthandlungen finden wir von seiner Hand die Sätze: "Der Charakter der Schlacht von Vionville tritt darin hervor, dass die Streitkräfte auf deutscher Seite, sobald sie auf dem Schlachtfeld eintreffen, in den Kampf geführt werden, gerade da, wo sie zur Hand sind. Ein Zurückhalten von Reserven findet nur in kleinem Maßstabe statt, eine allgemeine Schlachtreserve ist nicht vorhanden. Erklärlich, dass auch die Verwendung der Kavallerie der Gewalt der Umstände angepasst wurde. Wie Vionville keine geplante Schlacht, so ist auch die Verwendung der Kavallerie keine vorher geregelte. Sicherlich würden zwei Kavalleriedivisionen an Stelle der Brigade Bredow einen größeren, vielleicht einen die Schlacht unmittelbar entscheidenden Erfolgt gehabt haben. Aber dass die Brigade Bredow trotz ihrer Schwäche eingesetzt wurde, war sehr richtig. Die Attacke hat, indem sie eine französische Division zum Stehen brachte, zum Gesamterfolg des Tages weit über das Verhältnis beigetragen." Mit dieser durch den Erfolg belegten Ansicht zeigt Haeseler zugleich seine eigene Meinung: für den Sieg alles und jedes Mittel zu wagen. Zögern ist schlimmer als unbedingtes Handeln; nur das Letzte kann von Erfolg sein. Haeselers persönliche Bescheidenheit zeigt sich auch schon damals. Als er im Januar 1871 das Eiserne Kreuz I. Klasse erhält, da schreibt er in einem Briefe dazu: "Ich habe keine besonderen Verdienste aufzuweisen, kann daher die Auszeichnung nur dem Wohlwollen des Prinzen zuschreiben." Als die Friedensverhandlungen begonnen hatten, tritt Graf Haeseler zur Okkupationsarmee und in eine besondere Kommission beim Oberkommando in Nancy, später als Oberquartiermeister. Am 12. Juli 1873 wurde er zum Kommandeur der 11. Ulanen in Perleberg ernannt. Nach dem siegreichen Kriege begann für die deutsche Armee, die keinesfalls auf ihren Lorbeeren einzuschlafen gedachte, eine neue Aera der Arbeit und des Ausbaus, gestützt auf die Kriegserfahrungen, die vor allem gelehrt hatten, dass die Ausbildung mit den Forderungen des modernen Krieges nicht Schritt gehalten hatte. Haeseler war einer der Tätigsten bei diesem Ausbau. An der Verbesserung des Kavallerie-Reglements nahm er entscheidenden Anteil, in den Vordergrund der Felddienstausbildung rückte er den bisher nur stiefmütterlich behandelten Aufklärungsdienst. 1878 erkrankte Haeseler plötzlich. Ein Blutsturz führte zu schwerer Lungenentzündung. Niemand glaubte, dass der Graf sich wieder bis zur Diensttauglichkeit erholen würde. Aber das Wunder geschah, Haeseler genas, aber von nun an lebte er erst völlig als Asket und schnitt jeden auch nur geringsten Lebensgenuss rauh ab, um seiner soldatischen Pflicht erhalten zu bleiben. So, nur so konnte sein zarter, immer kränklich anmutender Körper das 84. Lebensjahr erreichen. 1879 Versetzung in den Großen Generalstab. Dort arbeitete Haeseler an der Darstellung des letzten Krieges. Dann Kommandeur der 12. Kavalleriebrigade in Neiße, später wieder Quartiermeister im Generalstab. Im Herbst 1888 kommt Haeseler gar als Nachfolger Moltkes in Betracht, aber Caprivi entscheidet sich lieber für den ihm bequemeren Grafen Waldersee. Als dann am 1. April 1890 zwei neue Armeekorps aufgestellt werden, von denen das XVII. in Westpreußen gebildet wurde, mit dem 1914 Mackensen in den Weltkrieg zog, schlägt Haeselers große Stunde. Er erhält das XVI. Armeekorps in Lothringen. Jetzt endlich kann der unermüdliche Soldat bahnbrechend wirken und sich im Frieden einen Namen bereiten, der mit der Erinnerung an die alte Armee unlösbar verknüpft bleiben wird. Schon die erste Parade vor ihrem neuen Chef, die statt in der üblichen breiten Formation in Marschkolonnen stattfand, bewies den Angehörigen seines Korps, wes Geistes Kind ihr Führer war. Alles, was er mit seinem Korps zu unternehmen gedachte, sollte der Vorbereitung zum Kriege und nur diesem dienen. Alles übrige war für Haeseler Firlefanz, wenn es diesem hervorragenden Gesichtspunkt nicht entsprach. Zwar war es eine harte Zeit, die für das Korps anbrach, vor allem die jungen Offiziere bekamen es zu spüren. Da war nicht einer unter ihnen, der vor "Gottlieb" sicher war. Oft griff er sie gar auf der Straße auf und hatte sofort einen Patroullienauftrag bereit, der den Befohlenen stundenweit in das lothringische Land hineinführte, wo wieder an irgendeiner Waldschneise, vor einem einsamen Gehöft als dem gewiesenen Ziel ein anderer Reiter hielt, um die Meldung in Empfang zu nehmen und dafür einen neuen Befehl zu übermitteln. So bemühte sich Haeseler, die individuelle Leistung von Mann und Offizier als die Grundlage für die Gesamtleistung zu steigern. Neben der Schießausbildung, die damals ganz allgemein in der Armee nachhaltig gefördert wurde, hatte Haeseler es auf die Marschleistungen seines Korps abgesehen. So erzählt man sich noch heute, dass nach Beendigung der Ausbildung dreimal in Doppelmärschen innerhalb vierundzwanzig Stunden 70 Km zurückgelegt wurden. Die ungeheuren Marschleistungen in der Marne-Schlacht 1918 werden nur aus dieser Art der Ausbildung, die damals auch vielen Offizieren übertrieben zu sein schien, verständlich und haben somit durch den Krieg, für den Haeseler allein arbeitete, ihre Rechtfertigung gefunden. Wenn der Sieg dennoch ausblieb, so lag das an der oberen Führung, auf die der Marschall, wie wir schon wissen, keinen Anteil mehr hatte nehmen dürfen. Dreizehn Jahre lang kommandierte Haeseler sein lothringisches Korps, um dann als Gutsherr nach Harnecop zu gehen. Besser noch als es eine Darstellung der nüchternen Tatsachen vermag, berichten die vielen Anekdoten, die sich um seine Persönlichkeit spannen, von dem Wert und Charakter des immer volkstümlicher werdenden Marschalls. Da trifft eines Tages Haeseler in Metz einen Soldaten, der einen Kinderwagen schiebt, und fährt auf ihn los:" Bei wem dienen Sie?" Antwort: "Bei Herrn Hauptmann X." Haeseler nickt zurück: "Dann marsch, marsch, und sagen Sie der gnädigen Frau, Sie seien dazu nicht da, - sie solle Ihr Dienstmädchen schicken." Der Bursche macht ein verzweifeltes Gesicht: "Ich kann doch aber nicht von dem Kind fort, Euer Exzellenz." Haeseler packt schon den Wagengriff: "Ich werde solange hier bleiben." Und hielt auch die Wache, bis die bestürzte Mutter den Gestrengen ablöst. Oder als Haeseler einen anderen Burschen trifft, der mit schwerbepackter Marktasche einher kommt, geht er auf ihn los und fragt nach Namen und Wohnung des Offiziers. Dann befiehlt er den Mann zum Dienst, nachdem er ihm die Markttasche abgenommen hat. Schnurstracks macht sich Haeseler mit der nicht leichten Last zu der angegebenen Adresse auf den Weg, steht vor der Tür, klingelt. Die Frau Leutnant erscheint und fällt beinahe in Ohnmacht, als sie Exzellenz erkennt. Der aber spricht: "Hier haben Sie Ihre Sachen, liebe, gnädige Frau, aber merken Sie sich jetzt: des Königs Soldaten sind nur für den königlichen Dienst, nicht für Sie da." sprachs, grüßte und ließ die Bestürzte stehen. "Teufel von Metz", das war neben "Grober Gottlieb" der andere Spitzname, den man dem eisernen Grafen gegeben hatte. Denn wie ein leibhaftiger Teufel auch war er Tag und Nacht unterwegs, um nach dem Rechten zu sehen, dort oder hier einen plötzlichen Alarm zu befehlen, einen Offizier aus süßem Nachtschlaf zu reißen, um ihn ins Gelände zu jagen, - Kurzum, um alles zu tun, sein Korps für den Ernst des Krieges vorzubereiten. Dieser Ernst gab dem Feldmarschall später mehr als recht. Wenn die deutsche Armee von 1914 der staunenden Welt Leistungen bewies, wie sie vorher nicht für möglich gehalten wurden und denen alle übrigen Heere des Weltkrieges nicht gleichzukommen vermochten, so ist`s Haeselers und der Männer in seinem Geiste Saat gewesen, die so reiche Früchte getragen hat. Hans Henning Freiherr Grote Der Gutsherr von Harnecop: Gottlieb Ferdinand Graf von Haeseler (Potsdam 1836-1919 Harnecop) Das verstand sich für Haeseler von selbst, dass er nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst sich auf das väterliche Gut setzte und dessen Verwaltung in die Hand nahm. Auch hier machte er vieles anders wie andere Leute. Intensive Bebauung hielt er nicht für richtig. Er kultivierte mit Vorliebe die Schafzucht, kaufte stets gute Böcke zur Auffrischung und verkaufte bis Südwestafrika. Sein Steckenpferd war der Obstbau. Er führte aus Lothringen edle Sorten ein und erzielte vortreffliche Resultate. Seine Äpfel, Birnen und Erdbeeren gingen zu Borchard nach Berlin, was der nicht nahm, wurde in Freienwalde an die Kurgäste verkauft. Um die Versendung kümmerte Haeseler sich mit dem größten Eifer, seine Leute hatten es nicht immer ganz leicht mit seiner Sorgfalt im Einpacken der Äpfel. Seine Lebensführung wurde wenn möglich, noch einfacher als sie bis dahin gewesen war. In Kleidern hatte er nie große Pracht getrieben. Jetzt trug er tagaus tagein eine blaue Litewka ohne Achselstücke, blaue Reithosen ohne Generalsstreifen und hohe Stiefel. Ging er hinaus, setzte er sich die gelbe Mütze seines Ulanen-Regiments auf. Für den Schmuck des Hauses wurde kaum das Notwendigste getan. Als ihn sein Neffe gelegentlich besuchte, geriet er auf den Boden. Er sah dort zu seinem Erstaunen eine Fülle von alten Konservenbüchsen zerstreut. An einer Stelle im Dach ein Loch, durch das es munter hindurchregnete. Als er den alten Onkel darauf aufmerksam machte, meine der: "Eine Dachreparatur ist darum noch lange nicht nötig. Sie haben nur vergessen, eine Konservenbüchse aufzustellen. Man muss darauf achten, dass sie genau vertikal unter dem Loch steht." So wurde dann die 63. Konservenbüchse aufgestellt. Zwei Zimmer im Erdgeschoss füllten sich immer mehr mit Papieren, die sich zu wahren Bergen auftürmten, ohne eine Spur von Ordnung. Denn der alte Herr war zu pietätvoll, um nur ein beschriebenes Stück Papier zu zerstören und wäre es ein Briefumschlag gewesen. Da ihm aber das notwendige Korrelat solcher Pietät, eine büromäßige Ordnung, durchaus fehlte, häuften sich die Skripturen zu einem Chaos, aus dem sich niemals das Gesuchte fand. Die alte Liebe zu Lothringen verließ den Grafen auch nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst nicht. Er kaufte sich in Plappeville eine "Besitzung", die er fast alljährlich aufsuchte. Es war ein kleines Häuschen, das man nur sehr euphemistische als eine Villa bezeichnen konnte. Drei Zimmer und eine Küche, eine enge gewundene Wendeltreppe führte hinauf in den ersten Stock. Die Einrichtung war mehr wie einfach. Kein Teppich, kein Polsterstuhl, an den Wänden nur ein einziges Bild: der Prinz Friedrich Karl. Von den Fenstern eine wundervolle Aussicht über das Moseltal, über die Landschaft, die in ihren großen Linien, in der überschwellenden Fülle ihres Pflanzenwuchses an die Pracht des Südens erinnert. Wenn Haeseler in Plappeville weilte, standen ihm stets Pferde der Dragoner-Regimenter zur Verfügung. Er ritt viel hinaus auf die Schlachtfelder und freute sich, wenn sich ihm Offiziere der Garnison anschlossen, denen er aus der Fülle seiner Erinnerungen erzählte. Mit den kleinen Besitzern in Plappeville stand er auf freundschaftlichem Fuß. Sein besonderer Freund war der Nachbar, ein Milchhändler. Mit dem war ein Abkommen wegen der Reise in die Stadt getroffen. Wenn Haeseler die unternehmen wollte, wurde der Milchwagen angespannt, ein Stuhl hineingesetzt und auf diesem Gefährt triumphierte der Feldmarschall nach Metz hinein. Durch Allerhöchsten Erlass vom 1. September1903 wurde Haeseler ins Herrenhaus berufen. Er war weit davon entfernt, hierin nichts als eine dekorative Ehrung zu sehen, sondern befasste sich sehr ernstlich mit den Arbeiten des Hauses. Schlug die Sache in sein engeres Interessengebiet, so fehlte er nicht mit Anträgen, die bei einer gewissen Weltfremdheit, die ihnen zumeist anhafteten, achtungsvoll angehört und immer abgelehnt wurden. Sein Debut war die Beratung des Wildschongesetzes im März 1904. Er beantragte die Ausdehnung der Schonzeit für weibliches Rot- und Damwild, die Kälber sollten überhaupt geschont werden. Auch der Dachs sei ein sehr nützliches Tier und es sei nicht einzusehen, warum er in Brandenburg geschossen werden müsse, weil er am Rheine Trauben fräße. Und alle Jagdverträge seien der Bestätigung der Jagdaufsichtsbehörde zu unterwerfen, denn die Aasjägerei sei nicht mehr zum Ansehen. Das Hohe Haus sagte Bravo und lehnte ab. Nicht besser ging es mit der Fortbildungsschule. Die mangelhafte Beaufsichtigung der schulentlassenen Jugend bis zu ihrem Eintritt in das Heer war Haeseler immer schon ein Greuel gewesen. Er schlug vor, die jungen Männer mussten weiterhin an zwei Tagen der Woche unterrichtet werden in deutscher Sprache, vaterländischer Geschichte, Geographie, Rechnen und Naturkunde. Dazu sollte eine Körperausbildung durch Gymnastik und Schwimmen kommen, keinesfalls aber sollte ein wertloses Soldatenspielen angestellt werden. Auch diese Anregung fand den Beifall des Hauses, der Kultusminister sprach sein lebhaftes Interesse an der Angelegenheit aus, und damit hatte es sein Bewenden. Das war selbstverständlich, dass der Feldmarschall aufs lebhafteste eingriff, wenn sein eigenes Arbeitsgebiet in Frage kam. Auch hier war sein Streben, den kriegsmäßigen Verlauf der Truppenübungen sicherzustellen. Die Quartierverpflegung war einzuschränken; so weit irgend durchführbar, sollte die Verpflegung aus Magazinen eintreten; das Festbinden der Übung an vorher festgesetzte Quartiere war durchaus zu vermeiden. Eine Erweiterung der Truppenübungsplätze lehnte er ab. Die seien nur die Brutstätte lokaltaktischer Beschränktheit, es wäre besser gewesen, wenn man sie überhaupt nicht eingerichtet, sondern den Truppen ein oder zwei Prozent der zu ihrem Ankauf verwendeten Kapitalien für Flurschäden zur Verfügung gestellt hätte. Dann wäre eine wahrhaft kriegsmäßige Ausbildung zu fördern gewesen. Saß die Übungsplätze eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit waren, gab er nicht zu, der Gesichtspunkt kriegerischer Ausbildung müsse höher stehen. Im Juni 1905 brach Haeseler eine Lanze für die Bahn von Waldwiese nach Merzig: Seit Jahren sollte eine Bahn von Vigy über Monneren nach Waldwiese gebaut werden, die das nördliche Lothringen erschlossen hätte. Sie hatte einen Sinn nur dann, wenn sie von Waldwiese bis zur Saar bei Merzig durchgeführt wurde. Das waren nur 7 Km, aber sie lagen in Preußen, und fast wäre es zu dem Beschluss gekommen, die Strecke nicht zu bauen, weil man sich nicht darüber einigen konnte, ob die Kreise Saarlouis und Merzig nach preußischer Observanz, wie es selbstverständlich war, oder nach reichsländischer, was durchaus unbillig war, zu den Leistungen für den Bahnbau herangezogen werden sollten. Über diese Schildbürgerfrage wäre der Bau beinahe ins Wasser gefallen. Nun hatte sich der Bürgermeister von Merzig mit der Bitte an Haeseler gewendet, für die Fortführung der Bahn einzutreten. Es war zwar nicht recht einzusehen, was Haeseler mit Merzig, Waldwiese und der Bahn zu tun hatte, aber im Westen war er in einem solchen Maße der Mann des allgemeinen Vertrauens, dass man auch jetzt ihm die Sorgen der Merziger gläubig ans Herz legte. Er trat dann auch mit aller Gründlichkeit für die Sache ein und erreichte, dass die Frage dem preußischen Eisenbahnministerium dringend zur Berücksichtigung empfohlen wurde. Haeseler fügte hinzu, er hielte diese Form für höflicher als die vorgeschlagenen, dass man die Sache dem Ministerium nach siebenjähriger Überlegung zur weiteren Überlegung empfehlen möchte. Das Auftreten Haeselers in der Frage der Polenenteignung hat seinerzeit viel Aufsehen gemacht. Im Februar 1908 lag dem Herrenhaus der Entwurf eines "Gesetzes über Maßnahmen zur Stärkung des Deutschtums in den Provinzen Westpreußen und Posen" vor. Die Regierung forderte das Recht, zur Ansiedlung deutscher Bauern Grundstücke durch Kauf oder, wenn notwendig, durch Enteignung zu erwerben. Das Abgeordnetenhaus hatte die Ermächtigung auf den Erwerb von 70.000ha durch Enteignung und nur im Anschluss an bestehende Ansiedlungen eingeschränkt. Jetzt lag der Entwurf dem Herrenhause zur Beratung vor. Der Reichskanzler Bülow bezeichnete die Ansiedlung deutscher Bauern als die einzig wirksame Maßregel zur Eindämmung des fortschreitenden Polentums und hierfür das Recht der Enteignung für unentbehrlich. Herr von Wedel - Piesdorf wies darauf hin, dass die Staatsregierung allerdings das Recht der Enteignung nicht entbehren könne, wenn sie überhaupt das zurückweichende Deutschtum gegen die Polen schützen wolle, dass aber doch hier eine Maßregel vorläge, die zwar der Verfassung nicht widerspräche, aber doch hart an die Grenzen des Rechts streife. dann sprach Haeseler. Die Vorlage steht im Widerspruch mit Artikel 4 der Verfassung, dessen erster Satz lautet: "Alle Preußen sind vor dem Gesetz gleich." Das Gesetz kennt keine verschiedenen Kategorien von Preußen: deutsch und polnisch sprechende Preußen. Welche Härte liegt darin, wenn der Mann auf das, was er sich in seinem Leben erarbeitet hat, an das Eltern und Großeltern ihre Kraft gesetzt haben, immer mit der Sorge hinsieht, dass es ihm morgen genommen werden kann. Es ist gesagt worden, wenn im Kriege Tausende erschlagen werden können, so muss der Staat auch berechtigt sein, im Interesse seiner Sicherheit zu enteignen. Das ist etwas ganz Verschiedenes. Im Krieg besteht Wehr auf der einen Seite, Gegenwehr auf der anderen, aber hier ist der Gegner wehrlos. "Es ist ferner gesagt worden, es könne durch die Verhältnisse im Posenschen eine Gefährdung des Staate, selbst eine Notlage eintreten, wenn der Staat, bedrängt von äußeren Feinden, noch den inneren Feind zu überwinden habe. Nun, meine Herren, wenn diese Notlage eintritt, dann wird der lebende Wall der Ansiedlung auch nicht die Hilfe aus der Not sein, dann liegt die Rettung wo anders: bei der Wehrkraft der Nation, in der ultima ratio regis!" Das Herrenhaus trug den Bedenken Haeselers Rechnung, indem aller Besitz, der sich seit mehr als zehn Jahren in den Händen derselben Familien befand, von der Enteignung ausgenommen wurde. Der Erfolg der Enteignungsvorlage ist bekannt: dass wir mit dem Gesetz den Polen die stärkste Waffe gegen den preußischen Staat in die Hand gegeben haben, dass ihr Erfolg der gewesen ist, dass die Ostmarken, namentliche die Städte, mehr polonisiert als germanisiert worden sind. Sicher hat Haeseler damals weiter gesehen als die Staatsregierung und mit ihr weite Kreise des preußischen Volkes: dass der Staat zugrunde gehen muss, wenn nicht mehr als Grundlage unangetastet das Bewusstsein des Rechts bleibt. Für solche Politik stand der preußische Staat zu hoch. Im Herbst 1906 hatte Goltz, damals Kommandierender General des I. Armeekorps in Ostpreußen, Haeseler zur Teilnahme am Korpsmanöver in Ostpreußen eingeladen. Der Autor war damals Schwadronchef im 8. Ulanenregiment. Goltz wusste, dass dieser dem Feldmarschall nahe stand und kommandierte ihn zu ihm als Ordonnanzoffizier. Goltz war gewiss ein dauerhafte Manöverleiter, aber Haeselers Ausdauer war doch noch größer. Der erste Tag dauerte offiziell von 5h morgens bis 8h abends. Da ritt Goltz ins Quartier. Haeseler äußerte den Wunsch, sich auch noch den linken Flügel der Vorposten anzusehen, und kehrte um 11 Uhr heim, wie er sagte, weil er die Quartiergeber nicht noch länger warten lassen wollte. Der zweite Tag begann ebenso früh, endete gegen 4h nachmittags. Goltz mochte denken, dass man einem Gast, wie Haeseler, nicht einen derart unausgefüllten Manövertag vorsetzen dürfe, und improvisierte wenigstens noch einen Notbrückenbau durch die Maschinengewehrabteilung, eine Beschäftigung, mit der immerhin die Zeit bis 8h abends nützlich hingebracht und eine mögliche Zeit für das Einrücken ins Quartier erreicht wurde. Der dritte Tag war kaum zu rechtfertigen, er endete bereits um 4h nachmittags mit einem umfangreichen Mittatessen in Gumbinnen. Während dieser drei Tage war der Autor meist mit dem Feldmarschall allein. Goltz war durch die Manöverleitung in Anspruch genommen, und Haeseler vermied es, dabei seine Aufmerksamkeit abzulenken. Wenn sie zusammentrafen, so ließ sich kein größerer Gegensatz denken, als die beiden: der lebensfrohe, übersprudelnd witzige Goltz, der auch dem Dienst immer eine heitere Seite abzugewinnen wusste, und der stille, in sich gekehrte, sinnende Haeseler, der Mann des tiefsten Ernstes. Meist stimmten ihre Anschauungen überein. Nur einmal gingen sie gegeneinander, indem Haeseler, anders als Goltz, das Zusammenhalten der Kampffront forderte. Am letzten Manövertage führte Goltz das Armeekorps, drei Divisionen, zum Angriff gegen einen markierten Feind. Zwei Divisionen griffen die Front an, die Dritte erhielt den Befehl zur Umfassung. Beide unterhielten sich über die Form, in der dieser Befehl zu fassen sei. Haeseler meinte, er würde bestimmt befehlen, wie weit die Division die Umfassung ausdehnen dürfe. Goltz lehnte das ab, er gab nur eine Orientierung über das Vorgehen der Nachbardivision und überließ dem Divisionskommandeur auf dem Flügel das Maß der Ausdehnung. Wenn ich mit Haeseler allein ritt, war er sehr interessiert und gesprächig. Auf die Karte sah er selten, war aber immer orientiert. Bei allem Ernst konnte er gelegentlich sehr herzlich lachen. Er sprach über die Notwendigkeit, das Auftreten eines markierten Feindes derart von weit her anzuordnen, dass die Kavallerie imstande ist, ihn rechtzeitig zu erkennen und die Meldung von seinem Auftreten der Führung auf kriegsmäßige Weise zugeht. Gleich darauf konnten wir das Auftreten des markierten Feindes in der Praxis beobachten. Wir kamen an einem Trupp Infanteristen vorbei, der im Schatten eines Strohschobers unter der Aufsicht eines Vizefeldwebels kommenden Ereignissen entgegen schlief. Auf meine Frage erklärte der Vizefeldwebel, er führe hier eine markierte Infanteriebrigade und erwarte den Befehl zum Eingreifen. Gleich darauf erschien dann auch ein Ordonnanzoffizier: die Brigade solle in der und der Richtung in Marschkolonne antreten. Allgemeines Wecken. Jeder Musketier zog eine rote Flagge aus dem Strohschober und setzte sich in Marsch, nachdem er dem Vordermann einen angemessenen Vorsprung gegönnt hatte. Das war Haeseler zuviel. Er lachte, wie ich ihn nie habe lachen hören, er bog sich geradezu vor Lachen. "Nun sehen Sie bloß, was da alles aus dem Stroh herauskommt. Sehen Sie sich das bloß an. 22,23,24 - jede Flagge eine Kompanie. Richtig, eine ganze Brigade hat in dem Strohschober gesteckt!" Sein Urteil über das Exerzierreglement für die Infanterie, das vor wenigen Monaten (29.Mai 1906) herausgekommen war, war sehr ablehnend. Haeseler sah vor allem einen grundlegenden Fehler in der Feststellung gewisser Gefechtstypen: des Begegnungsgefechts, des Angriffs auf einen zur Verteidigung entwickelten Feind und des Angriffs auf eine befestigte Feldstellung. Man könne keine derartigen Formen feststellen und nach ihnen das Gefechtsverfahren regeln. Jedes Gefecht müsse als Individualität aufgefasst werden, die Fähigkeit zu seiner geistigen Beherrschung müsse in unendlich vielen, immer wiederholten Übungen gewonnen werden. Ich brachte das Gespräch auf die Frage, die damals in der Kavallerie die Geister besonders lebhaft beschäftigte: die Frage des Fechtens in Treffen oder in Kommandoeinheiten. Offenbar stand Haeseler jetzt auf einem milderen Standpunkt, als in früheren Jahren. Denn während er früher ein sehr bestimmter Anhänger der Treffentaktik gewesen war, ließ er jetzt auch das Fechten in Kommandoeinheiten durchaus gelten. Er gab zu, dass es vielfach nach der Geländebeschaffenheit sogar das einzig Anwendbare sein möge, dass aber immer der Angriff der Hauptkampfgruppe unter der unmittelbaren Einwirkung des Kavallerieführers sichergestellt sein müsse, und dass dazu vielfach auch heute noch die Treffenbildung das geeignetste Mittel sei. Ein anderen Mal drückte er es so aus: Ob man flügel- oder treffenweise gruppierte, sei ganz egal. Auftragstaktik? Was will man denn? Man will die feindliche Kavallerie zurückwerfen. Das kann man in jeder Form. Bedingung ist nur, dass man versteht, mit Zeit und Raum zu rechnen. Kann man das, dann siegt man, der Gegner kann es wahrscheinlich nicht. Allgemein käme es, bei der Kavallerie, wie bei aller Taktik, nur sehr wenig auf die Form an, vielmehr auf die Fähigkeit des Führers, jene beiden Faktoren richtig einzuschätzen. Das war seine Fähigkeit, die ihm vordem die Überlegenheit über jeden seiner Gegner gegeben hatte. Ich konnte beobachten, wie er sich selbst darin dauernd kontrollierte. Wir ritten in der Richtung nach einem auffallenden Geländepunkt auf den Kallner Bergen. Haeseler zeigte dorthin: "Wann werden wir da sein?" "In einer Viertelstunde." "Nicht ganz." Wir brauchten dreizehn Minuten. Goltz fragte einen Divisionskommandeur, wann er auf das Eintreffen einer aus der Tiefe vorgezogenen Brigade in Höhe der Avantgarde rechne. "In einer Stunde." Haeseler sagte vor sich hin: "In drei Viertelstunden ist sie da." Es war 9 Uhr 30. Als die Schützen der Brigade an der erwarteten Stelle eintrafen, sah er auf die Uhr und nickte: es war 10 Uhr 15. Im ersten Jahr seines Ruhestandes hatte das Gardekorps Manöver in der Umgegend von Harnecop. Haeseler war dauernd bei den Truppen. Er war sehr wenig einverstanden mit der Art, wie das Manöver geleitet wurde. Er vermisste die Bewegungsfreiheit nach der Kriegslage, den Vorpostendienst fand er vollends schematisch, immer die herkömmlichen zwei Vorpostenkompanien ohne Rücksicht, ob mehr oder weniger notwendig waren. Wenn es auch nur wenig regnete, rückten die Vorposten ein. Der Vorpostendienst gab ihm Anlass zu einer eingehenden Betrachtung, die er in einer Broschüre niederlegte. Sie wurde als Manuskript gedruckt und von ihm als eine Art Haeselerscher Hausorden an seine Freunde verliehen. Eine Vorpostenaufgabe aus dem Manöver des Gardekorps schien ihm typisch für seine Anschauungen von dem "strategischen Motiv des Vorpostendienstes." Folgendes war die Lage: Die Nordarmee ist im Rückzuge, mit dem linken Flügel über Werneuchen-Freienwalde, gegen den Oderübergang von Neu-Glietzen. Die linke Flanke ist gesichert durch eine Abteilung aller Waffen. Dieser gegenüber feindliche Kräfte, mit denen sie heute im Gefecht gestanden hat. Am Schluss des Tages war sie über Haselberg zurückgegangen und ruhte bei Vorwerk Rädikow, Vorposten vorwärts Haselberg. Der Feind stand mit stärkeren Kräften bei Wriezen, Vorposten gegen Biesdorf-Lüdersdorf. Die Vorposten begnügten sich mit der frontalen Sicherung unter besonderer Beobachtung des rechten Flügels der feindlichen Vorposten. Eine solche Beobachtung konnte nicht genügen. Es kam darauf an, einen etwaigen Rechtsabmarsch des Feindes zu erkennen und aufzuhalten. Die Vorpostenkavallerie gehörte nach Ratsdorf. Haeseler gab dem Schwadronchef diesen Rat. Aber wie er später erzählte, "dieser hatte nicht den Mut, vor der feindlichen Front wegzugehen; er wäre wahrscheinlich auch übel gerissen worden." In seinen Abschiedsworten an das XVI. Armeekorps hatte Haeseler den Truppen ausgesprochen, dass mit seinem Scheiden zwar die dienstlichen Beziehungen schließen, dass es aber die Empfindungen der Zusammengehörigkeit unterbrechen sollte. Das Wort ist wahr geworden. Kaum jemals wird einen Vorgesetzten solchen Ranges nach der Lösung der dienstlichen Beziehung nach ein derartiges Band der Verehrung mit seinen früheren Untergebenen verbunden haben, wie den Feldmarschall. Schon im Sommer 1904 fand in Witten ein Appell der ehemaligen Angehörigen des XVI. Armeekorps statt, im Sommer 1905 schlossen sich die einzelnen Verbände unter Leitung des Rittmeisters a. D. von Trotha zum "Haeselerbund" zusammen. Als Aufgabe stellte sich der Bund neben der Pflege nationalen und militärischen Empfindens die Förderung kameradschaftlicher Fürsorge. Die Begräbnisunterstützungskasse des Verbandes hat vor dem Kriege in über 3000 Fällen an Angehörige ehemaliger Kameraden mehr als eine halbe Million gezahlt. Die Korpsappels fanden seit 1904 fast alljährlich statt, meist in Gegenwart Haeselers. Bis zu 20000 Mann haben bei solchen Paraden in der Front gestanden. Es waren Völkerfeste, zu denen mit den alten Soldaten viele Tausende zusammenströmten. Sie gewannen einen Umfang, dass der Kommandierende General in Westfalen daran Anlass nahm und Haeseler empfahl, diese Veranstaltungen einzustellen. Der schrieb sehr kühl zurück, er hielte sie für nützlich zur Stärkung des vaterländischen Empfindens, es stünde auch seinerseits nichts im Wege, dass der Kommandierende General entsprechende Zusammenkünfte veranstalte. Im Jahr 1906 wurde der Plan gefasst, in Metz ein Denkmal Haeselers zu errichten. Als Herr von Trotha den Feldmarschall in Harnecop die Absicht vortrug, lehnte dieser ab: "Warten Sie damit. Was würde es für einen Eindruck machen, wenn mir nun als Feldherr das Unglück zustieße, dass ich in einem Kriege geschlagen werde, und man kann heutzutage nie wissen, ob das nicht passieren kann, und es stände mein Denkmal in Metz!" "Warten Sie damit," sagte Haeseler. Haeselers geistige Arbeit in den Jahren der erzwungenen Muße gehörte wesentlich der Ausarbeitung seiner Erinnerungen. Er verweilte am liebsten bei der größten Zeit seines Lebens, den "Zehn Jahren im Stabe des Prinzen Friedrich Karl." Er hat seine Erinnerungen in einem Werk niedergelegt, von dem in den Jahren 1910 bis 1915 drei Bände erschienen sind. Sie beginnen mit der Reorganisation der Armee und der Übernahme des Generalkommandos des III. Armeekorps durch den Prinzen, sie enden mit dem Abschluss der militärische Aktion 1866. Was er in diesen Bänden gibt, ist Selbsterlebtes, persönliche Eindrücke stehen obenan. Ihren Mittelpunkt bildet der "Kommandierende General und Feldherr, auf dessen Geheiß während mehrerer Friedensjahre und in drei Feldzügen ich sehen konnte, arbeiten und reiten durfte." Die Bände sind mit einem liebevollen Versenken in den Stoff geschrieben, dennoch lassen sie eine leide Enttäuschung zurück. Sie geben ein unendliches Material an Einzelheiten, führen lange Befehle, Erlasse, Denkschriften im Wortlaut an, mit einer Breite, die nicht immer dem Wert entspricht, den sie in der Geschichte beanspruchen. Haeseler selbst wusste von den inneren Zusammenhängen unendlich viel mehr, als er hier niedergelegt hat, aber sein Takt war so feinfühlend, dass er vielfach auf die Wiedergabe der wertvollsten Pointen verzichtete, wo ihre Veröffentlichung auch nur im geringsten Widerspruch zu der Rücksichtnahme stand, zu der er auch nach Jahrzehnten sich seinen früheren Vorgesetzten, im besonderen dem Prinzen gegenüber, verpflichtet fühlte. Immerhin bieten sie dem, der zwischen den Zeilen zu lesen versteht, manche neue Erkenntnis zur Geschichte der Kriege von 1864 und 1866. Haeseler beabsichtigte, das Werk fortzusetzen und dabei über den Rahmen hinauszugehen, den er sich bei Beginn seiner Arbeit gestellt hatte. Es sollten noch zwei weitere Bände folgen, in denen der Krieg 1870/71 darzustellen war, ein sechster Band sollte "Rückblicke und Ausblicke" enthalten. In ihm sollte die Bedeutung zweier Männer, deren Einfluss auf das Heer er bisher nicht genügend gewürdigt fand, Katzlers und Reyhers, erscheinen. In weiteren Kapiteln waren einzelne Gegenstände zu bearbeiten, wie die Fragen der Bewaffnung, der Reglements, des Verpflegungswesens. Die Vorarbeiten lassen indessen erkennen, dass eine wesentliche Erweiterung unserer Kenntnisse von dem Buche kaum zu erwarten gewesen wäre. Der "Ausblick" endlich, mit dem das Gesamtwerk schließen sollte, war noch einmal die Betonung des Gedankens, der Haeselers ganzem Lebenswerk zugrunde gelegen hatte: "Das Belebende aller technischen Vollkommenheit ist doch die Seele des Menschen. Nichts ist bleibender, als der Eindruck, den man aus dem Verkehr mit der Truppe gewinnt. Wohl dem Vorgesetzten, der bis auf das Herz seiner Untergebenen vorzudringen versteht."
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